Udo Weingart, der Vater von Lapidea
Udo Weingart, 1940 – 1975, war ein begnadeter Bildhauer, der als Sohn in der „Steinstadt-Mayen“ zunächst in die Fußstapfen seines Vaters im elterlichen Betrieb trat, der dann aber später als besonders talentierter Mayener Bildhauer vielfach höchste Auszeichnungen für seine Werke erhielt..
Sein Ruf als kreativer Ausnahme- Künstler reicht bis heute weit über seine Heimat hinaus.
Die Stiftung „Lapidea für Kunst und Kultur“ würdigte sein Schaffen im Beisein seiner Familie am 28. Januar 2026.
Ansprache zur Erinnerung an Udo Weingart anlässlich seines 86. Geburtstags am 28.01.2026 (Stiftung Lapidea)
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Meid, sehr geehrter Herr Bürgermeister Mauel,
Sehr geehrte Familie Weingart,
verehrte Stiftungsratsmitglieder der Stiftung LAPIDEA, liebe Kollegen im Stiftungsratsvorstand,
liebe Stiftungsmitglieder, liebe Vertreter der Museen und des GAV , lieber Hans Schüler und lieber Aloys Einig, verehrte Vertreter der Gremien und des Betriebshofs,
liebe ehemalige Weggenossen und -genossinnen von Udo Weingart und liebe Freunde der Familie Weingart,
sehr geehrte Pressevertreter und -vertreterinnen , liebe Gäste.
Ich danke Herrn Oberbürgermeister Meid und Herrn Bürgermeister Mauel sehr für ihre Verbundenheit mit dem Mayener Künstler Udo Weingart aber darüber hinaus auch für ihre Wertschätzung der künstlerischen Arbeit, die der Mayener Kultur nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch heute und künftig einen wichtigen öffentlichen Stellenwert verleiht.
Heute wäre Udo Weingart 86 Jahre alt geworden und er starb vor 50 Jahren.
Authentische Berichte über sein Leben schwanken zwischen großer Bewunderung für seine Genialität, seine schwierige Familien- und Lebenssituation hin zu bleibenden Zeugnissen eines meisterhaften Könnens mit wegweisenden Initiativen und zu bis heute sichtbaren und präsentierten Höhepunkten seines Wirkens hier in Mayen und weit darüber hinaus.
So ist auch die Entstehung der Stiftung Lapidea untrennbar mit den ersten Symposien 1969, 1970 und 1971 hier auf dem Grubenfeld verbunden. Planung und Ideen stammten damals von Udo Weingart. Udo ist der Vater von LAPIDEA.
Die Vita des Künstlers Udo Weingart möchte ich am heutigen Tag in Erinnerung an typische Ereignisse seines Lebens schildern, die an den Menschen Udo Weingart und sein Umfeld
dankbar erinnern.
Schon 1969 initiierte er die erste Lapidea-Veranstaltung auf dem Grubenfeld Mayen, der noch bis 1971 zwei weitere Symposien folgten. Schon vorher schenkte er seiner Heimatstadt Ideen, die bis heute sichtbar sind, etwa die der Pflasterintarsien in der Marktstraße, über die wir trotz umfänglicher Erneuerung tagtäglich gehen,
auf dem Wogergrabfeld oder etwa rund um Mayen in Polch oder Pillig hat er bis heute sichtbare Spuren seines regionalen Schaffens hinterlassen, die dann auch noch an viele andere Orte führte. Ich nenne beispielhaft 1971 die Bundesgartenschau in Köln und die Gartenanlage im dortigen Rheinpark in dem allein 9 Lapidea-Skulpturen, die in Mayen während des Symposiums damals in seiner Regie aufgestellt wurden und die bis heute dort präsentiert werden.
Legendär ist auch seine Zusammenarbeit mit Wilhelm Völker mit dem er schon in den 60er Jahren zusammenarbeitete. (Hinweis Lapidea-Buch)
In den 60er Jahren inspirierte er seine ehemaligen Mitschüler der Steinmetzfachschule Mayen (gegründet 1922) dazu auf dem Grubenfeld in offener Natur kreativ zu arbeiten. Vor der Kulisse Silbersee sollten sie frei und ohne Bindung an einen Auftrag ihre künstlerischen Ideen in Stein meißeln, um so der alltäglichen Routinearbeit zu entfliehen.
Zitat Weingart aus dem Jahr 1970: „Alle wollten weg von dem Zwang des industriell geprägten Konformismus“.
Seine damals gleichzeitig geäußerte Absicht, sich selbst wenigstens einmal im Jahr zwei, drei Wochen freizumachen „für (Zitat) Arbeiten, die nicht im Auftragsbuch stehen“ konnte er in den folgenden Jahren nicht mehr verwirklichen.
Die Autorin Klara Küttner schreibt dazu: „Die Rettung des Natur- und Kulturraums, den das Grubenfeld darstellt, war ihm damals genauso viel wert wie die Förderung freier Bildhauerei“.
So liebte er beispielsweise den Zauber des Silbersees so sehr, dass er die Basaltfelse über dem See weiß anstrich und sie illuminierte und fotografierte
Dieses Gelände auf dem wir jetzt stehen, wäre wohl ohne Udo Weingart kaum zu einem so einmaligen Areal für den Naturstein und seine künstlerische Bearbeitung geworden. Er inspirierte die damaligen Initiatoren des Vereins „Lapidea Förderkreis Naturstein Mayen e.V.“ mit den Vorsitzenden Albert Nell und Kurt Werner und viele weitere Bildhauer, Freunde des Natursteins und interessierte Mayener Bürgerinnen und Bürger die Grundidee des Vereins durch Symposien in ihrer Darstellung des künstlerischen Gestaltens der Steine, die Bedeutung des Materials für die Kultur, die Landschaft und damit die Geschichte des Mayener Raums nachhaltig in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen
Man darf aber feststellen: „Nicht zuletzt war er es, der das Gelände der jetzigen Lapidea mit all seinem natürlichen Potential erschlossen und zugänglich gemacht hat. Ohne sein Gespür und seinen Drang dort etwas Besonderes zu schaffen, läge dieser Ort wahrscheinlich heute noch Im Dornröschenschlaf“. (Zitat Bildhauer Manfred Schneider aus Mendig).
Sein ehemaliges Atelier hier vor Ort, ist deshalb auch ein historisches Zeugnis von Menschen, die in der Vergangenheit gemeinsam als Kunstschaffende gewirkt haben. Deshalb haben wir als Stiftung Lapidea für Kunst und Kultur gerne die Aufgabe übernommen, auf Wunsch der Familie eine von der Schwester Udos bereitgestellte Bronzetafel zu Ehren des Künstlers und vieler Mitstreiter anzubringen und heute der Öffentlichkeit vorzustellen. Wir bedanken uns dabei sehr für die Unterstützung der Stadt Mayen, insbesondere bei Thomas Müller.
Eine Tafel wurde schon einmal vor etwa 25 Jahren gegossen, doch wegen eines formalen Fehlers im Schriftbild auf Wunsch der Mutter von Udo, anschließend wieder eingeschmolzen, wieder neu gegossen, dann Jahrzehnte verwahrt und jetzt zum 85. Geburtstag endlich am Wunsch- und Zielort angebracht.
Wir danken Ihnen liebe Frau Ingrid Weingart für diese schöne Erinnerungstafel und wir wollen diesen historischen Ort auch weiterhin gemeinsam würdig gestalten und erhalten.
Die Stadt Mayen hat ihren Künstler Udo Weingart im Jahre 2010 mit einer Sonderausstellung im „Alten Arresthaus“ mit damals über 700 Besuchern geehrt. Unsere Künstlerin und Mitbürgerin Marika Kohlhaas, die ich an dieser Stelle besonders begrüße, hat damals diese Ausstellung maßgeblich initiiert und mitgestaltet. Damals entstand auch das Buch über Udo Weingart, und unser heutiger Stiftungsratsvorsitzender Dr. Saftig war damals der Schirmherr der Ausstellung.
Ich möchte einige wenige, vielleicht unbekannte Episoden aus Udos Leben schildern, die mir dankenswerterweise auch von seiner Schwester Ingrid, die ich herzlich begrüße, überliefert wurden:
Die Lehre im Betrieb des dominanten Vaters war nicht einfach. Zweifellos hat er aber sein Talent auch genetisch erworben, denn der elterliche Betrieb, der der Gebrüder Nikolaus und Johann Weingart, war bereits durch diese Vorfahren, weitbekannt.
Zitat aus dem Udo-Weingart-Buch von Anneli Karrenbrock:
„Bei all seinem Talent und Ideenreichtum muß es für ihn ein Glücksmoment gewesen sein, dass er als Bildhauer neben den Arbeiten im väterlichen Betrieb, in dem nur eine verschwindend geringe Zahl an gestalteten Steinen die Werkstatt verlässt und er deswegen die meiste Zeit damit beschäftigt war Buchstaben und Zahlen in polierten Granit zu meißeln, da sonst das Unternehmen zugrunde ginge, parallel hierzu Ausstellungen, Wettbewerbsarbeiten und Grabsteine-initiiert von Anton Woger- nach seinen eigenen Vorstellungen planen, entwerfen und ausführen durfte. (Zitatende).
Ergebnis war beispielsweise das Mahnmal in Burgen an der Mosel. Es wurde schon 1962 mit dem Förderpreis des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet. Udo war damals erst 22 Jahre alt.
Udo Weingart arbeitete in Köln in Rotterdam, in der Schweiz, für das Museum Folkwang in Essen oder im Frans Hals Museum in den Niederlanden und in der Kunsthalle Düsseldorf, – Udo sorgte mit seinem Talent immer für Aufmerksamkeit und Bewunderung.
Er konnte leider nur ganz wenige Aufenthalte außerhalb von Mayen realisieren. So gelang es ihm kurz nach der Lehre Anstellungen in Zürich und Bern zu finden.
Sein damaliger Chef Hans Brogni schrieb dazu an Udos Schwester Ingrid folgende Zeilen:
„Ich erinnere mich sehr genau an ihren Bruder, der in meiner Werkstatt als Bildhauer arbeitete.
Ein schlanker, hoch aufgeschossener Mann, schmales Gesicht, dunkle Augen, dunkle Haare, ein junger Mann mit sehr guten Manieren,
Er war ein sehr begabter Bildhauer und er war offen und willens sehr viel zu lernen. Bei seinem Eintritt war ich besorgt, dass er zu einer anständigen Unterkunft kommen konnte. Im Freundeskreis meiner Frau gab es eine Familie Sieber, die damals ein leeres Zimmer hatten, in welchem dann Udo eingezogen ist. Damals war es in unserem Lande üblich alle 14 Tage den Lohn auszuzahlen.
Für Udo war nach 14 Tagen der erste Lohn in der Schweiz fällig. Es müssen damals etwa 350 Franken gewesen sein. Er war hoch erfreut und ging in ein Wochenende. Am folgenden Montag kam er etwas kleinlaut zu mir und fragte mich, ob ich ihm einen Vorschuss auf den nächsten Lohn geben könnte? Auf meine Nachfrage, weshalb er schon blank wäre, antwortete er mir:
Am letzten Samstag bin ich nach Biel gegangen und bei einem Goldschmied in der Bahnhofstraße habe ich goldene Manschettenknöpfe gesehen, gekauft und diese haben über dreihundert Franken gekostet.“
Natürlich habe ich ihm den Vorschuss gewährt, machte ihn aber darauf aufmerksam, dass er zu seinem Geld besser Sorge tragen müsse. Ein guter Bildhauer müsse lernen, auch mit Geld umzugehen. Ich erklärte ihm, in der Regel wisse er ziemlich genau, wie viele Franken er alle 14 Tage bekomme. Aufgrund dieser Kenntnis müsse er im Voraus abschätzen, wie viele Ausgaben er in 14 Tagen berappen müsse.
Ich glaube, meine Belehrungen wurden damals von ihm sehr zu Herzen genommen. Auf alle Fälle musste er nie mehr einen Vorschuss verlangen!“ Zitatende
Eine persönliche Bemerkung meinerseits:
Ingrid Weingart hat mir die Manschettenknöpfe von damals gezeigt.
Sie sind aus Gold wunderschön gefertigt mit dem eingravierten Porträt des preußischen Königs Wilhelm.
Diesem Schmuck und seiner Ausstrahlung konnte Udo damals nicht widerstehen. Ästhetisches, auch außerhalb seiner eigenen Kunst, faszinierte ihn immer wieder.
Dies galt in der Musik für die damals wie heute bekannte Musik der englischen Gruppe „Osibisa“, die mit einer Mischung aus afrikanischen und karibischen Rhythmen mit großen Lautsprecher-Boxen seine Arbeit hier, im und vor dem Atelier beschallten. Auf seinen Reisen oder mit Freunden bevorzugte er dann eher den einfühlsamen Theodorakis mit seiner romantischen Musik.
Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass Udo nicht bei seinen harten Natursteinen verblieb.
Schon seit Mitte der 60er Jahre wandte er sich neuen Objekten zu:
Die bekannte Kölner Galerie „Der Spiegel“ die auch mit dem Verhüllungskünstler „Christo“ zusammen arbeitete, widmete Udo eine ganze Ausstellung, denn er entwickelte eine spektakuläre neue eigene Form der freien Kunst für die es keine Parallelen gibt.
In einem Austellungsflyer der Galerie heißt es:
„Nach einem tragischen Motorradunfall seines Freundes Fritz Meurer entwickelte Udo Weingart, zuerst in Anlehnung an die von Meurer geschaffenen Motorradmodelle, seine eigenen eigentümlichen CHARETTES, morbide, oft insektenhafte Vehikel, gleichermaßen erschreckend wie faszinierend, die ihresgleichen suchen.“
Die Motorradobjekte sind nicht Maschinen, wie sie in Werbeprospekten präsentiert werden.
Es sind visionäre Vehikel. Udo durchschaute die Aura der Werbeprospekte und die Gefahren des Motorradfahrens.
Das Motorrad wurde bei ihm zum FETISCH der Konsumwelt, sie sind fragil und bedrohlich.
In der Mehrdeutigkeit zwischen liebenswertem Charme und purer Entsetzlichkeit erkennt er die Faszination.
Udo sprengte so bewußt das Gebiet der Auftragsarbeiten hin zur freien künstlerischen Entwicklung.
Er brauchte den absoluten individuellen FREIRAUM. Und deshalb geben uns manche Zeichen aus Udos Leben Rätsel auf, nicht nur die Runen auf seiner ersten Lapidea-Skulptur hier vor Ort, die schon 1974 von Helmut Kohl und Heinrich Holkenbrink bestaunt, aber nicht erklärt werden konnten.
Udo bleibt also auch ein Geheimnis, seine Steinskulpturen, seine Lebensphilosophie und seine persönlichen Einsichten, die er uns überliefert hat, sind teilweise bis heute aktueller denn je.
Udo Weingart hat Emmanuel Kant gerne zitiert, wenn dieser das Widersprüchliche im Leben beschrieb.
Da heißt es in einem Monolog Udo Weingarts 1967, da war er gerade mal 17 Jahre alt:
Zitat: „Und könnte es sein, dass die Menschheit,
reicher wird, indem sie ärmer wird
und gewinnt, indem sie verliert?
Die Geduld ist zwiefach, sie besteht entweder darin, dass man alles aufgibt, oder neuen Mut fasst.“ Zitatende
Seine Zeitgenossen werden sich stets gerne an einen außergewöhnlichen liebenswerten Mitmenschen erinnern,
die, die ihn nicht persönlich kennenlernen konnten, die aber seiner Kunst noch begegnen dürfen,
sie werden ihn bewundern und gleichzeitig vor einem ungelösten Rätsel seines Lebens stehen.
Udo Weingart hat seine Zeichen in unserer Stadt gesetzt und wichtige Spuren hinterlassen.
Dazu gehört aber auch die Bewahrung und Rettung des Grubenfelds vom Gedanken des Landschaftsschutzes her. Wir haben die Aufgabe sein Lebenswerk zu bewahren und ihm für sein Wirken dankbar zu sein.
Im Kölner Dom gibt es eine Bodenplatte mit goldenen Sternen für besondere Menschen.
Der Stern mit der Nummer 282 dort ist Udo Weingart gewidmet.


